Damals, vor über 15 Jahren, lernte ich reiten. Nicht in einer Reitschule. Das war meinen Eltern zu teuer. Dieses schreckliche Hobby wollten sie nicht finanziell unterstützen. Schlimm genug dass sie es mir nicht verbieten konnten. Nein, ich lernte bei einer Freundin, Line, reiten. Die bekam nämlich Ponys als wir in der Grundschule kamen. Und wir Mädels liefen gerne mal die 7 Kilometer bis zur Weide. Sie hatte schon Pferdeerfahrungen, war schon voltigieren, ich stand am Zaun und bewunderte die Tiere mit gebührendem Respekt. Wir schleppten Zaumzeug den ganzen Weg mit, einmal sogar einen Sattel. Nur damit ich mich nach dem Putzen nicht aufs Pferd traute
Die Ponys zogen um auf eine andere Weide, näher dran, nur noch 1,5 Kilometer entfernt. Dort machte ich irgendwann Nägel mit Köpfen. Line hielt die Shettystute fest, ich kletterte mit Hilfe eines umgedrehten Eimers drauf. Sie führte mich am Zaun entlang. Am dritten Zaunpfahl lag ich im Matsch. Abgeworfen worden. Die Shettystute war das frechste Pony was ich je kennenlernte. Sie ging ständig durch (immer nach rechts, immerhin war sie etwas berechenbar) und biss wo sie nur konnte. Wir hatten sie trotzdem lieb. Ich stieg wieder auf, immer den eisernen Grundsatz im Kopf “wer runterfällt, muss sofort wieder aufs Pferd” und wieder buckelte die kleine Zicke mich am dritten Zaunpfahl runter. Beim nächsten Versuch war ich drauf vorbereitet, klemmte die Knie zusammen und hielt mich in der Mähne fest. Ich schaffte es bis zum 5. Zaunpfahl. Nach etlichen weiteren Versuchen blieb ich oben. Die kleine Stute lernte, dass sie Karotten bekam wenn ich oben blieb. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Und so schnell flog ich nie wieder von einem Pony runter, auch wenn das noch etliche Male geschah.
Wir ritten die andere Stute ein, die die Gesellschaft der kleinen Schimmelstute war. Die hatte so einen hohen Widerrist dass ich am ersten Tag den oberen Innenschenkelbereich total blau hatte. Denn die Stute legte sich in die Kurven wie ein Motorrad. Und sie war unglaublich schnell. Die Landschaft verschwamm, wenn wir galoppierten. Wir ritten immer ohne Sattel. Das Ding stellte sich schnell als unbequem und unpraktisch heraus. So saßen wir zwei Mädels auf den Ponys, die immer länger werdenden Beine kamen besonders bei der Shettystute immer näher an den Boden. Aber sie trug uns eifrig und ging nicht mehr so oft durch.
In den kleinen Ferien fuhr meine Freundin mit ihrer Familie immer in den Urlaub. Ich versorgte dann die Ponys, mittlerweile drei, es kam noch eine Haflingerstute dazu. Dafür lief ich zweimal täglich zur Weide, insgesamt acht Kilometer täglich. Und bewies meiner Mutter, dass ich mich ja doch um Haustiere kümmern kann. Was sie nicht weiter interessierte.
Wir ritten viel aus, kannten bald sämtliche Waldwege, jeder im Dorf kannte uns und wusste bei Hufgeklapper gleich, dass wir unterwegs waren. Nahezu täglich. In den Ferien war ich alleine unterwegs, manchmal mit Handpferd, meistens ohne. Einmal traf ich eine Polizeistreife. Wir grüßten freundlich, die Stute beäugte das merkwürdige grüne Auto. Der Polizist fragte, ob das nicht gefährlich sein, so ohne Sattel. Nein, ist es nicht. Ich dachte lange darüber nach, denn ich sah auch regelmäßig Reitunfälle im Fernsehen. Was ich vor allem immer wieder sah: Kinder und Jugendliche die in Reitschulen das Reiten lernten, mit Sattel wie sich das gehört, verloren im Trab oder Galopp schnell mal einen Steigbügel. Und flogen prompt vom Pferd. Sie konnten sich ohne Steigbügel nicht oben halten. Das war mir fremd. Ich dachte viel darüber nach und kam immer zum gleichen Ergebnis: Die lernen nicht, sich “richtig” oben zu halten.
Ich probierte es mit Sattel aus. Nach einer Viertelstunde hatte ich die Steigbügel abgemacht und im Rucksack verstaut. Schon besser. An einem Wintertag hätte ich am liebsten den Sattel an einen Baum gelehnt und erst beim Rückweg wieder mitgenommen. Nicht nur, dass ich es unbequem fand, nein, es war auch schweinekalt. Wir waren immer im Winter unterwegs. Minusgrade machten uns nix aus, die Ponys hatten dichtes, langes Winterfell. Wie sehr sie uns Reiter mit aufwärmten, war uns nicht bewusst bis wir im Winter mit Sattel ritten. Ich biss die Zähne zusammen, einen Sattel im Wert von über 500 Mark lässt man nicht irgendwo zwei Stunden liegen.
Ein andermal, im Sommer, lieh ich einen Westernsattel aus. Er passte den Pferd prima doch er war so unbequem. Das schlimmste am Sattelreiten war für mich aber, dass ich das Pferd nicht mehr spürte. Ohne Sattel merkt man jedes Muskelzucken unter sich. Man merkt genau, was das Pferd als nächste vor hat, was unheimlich praktisch ist, wenn das Tier zum durchgehen neigt. Umgekehrt kann man sehr präzise, feine Hilfen geben. Ohne Sporen und was man sonst noch so alles sieht. Nur mit leichtem Schenkeldruck.
An meiner Einschätzung ändert sich nix, ich wollte nicht mehr mit Sattel reiten. Mein Traum allerdings war immer, und ist es bis heute, ein Wanderritt über die Alpen. Dafür bräuchte ich vermutlich doch einen Sattel, einfach um das ganze Gepäck festmachen zu können. Schade
Irgendwann waren meine Reitertage vorbei. Die Haflingerstute starb, die kleinen Ponys waren zu klein zum reiten und auch zu alt. Sie trugen manchmal noch Kinder aus der Nachbarschaft wenn die mal auf einem Pony sitzen wollten. Meist wurden sie nur noch geputzt und genossen eine ruhige Rente auf der Weide.
Ich saß nie wieder wirklich auf einem Pferd, von zwei bis drei einmaligen Gelegenheiten abgesehen. Aber immer wenn ich die Wahl hatte, ritt ich ohne Sattel. Im fliegenden Galopp über den Strand und durch den Wald Italiens auf einem Araber. Einmal auch über einen Springplatz auf einem Vollblut. Dabei konnte ich gar nicht springen.
Ich hatte mächtig Schiss aber nachdem ich einmal alleine über den Sprung gesegelt war, schmiss ich beim zweiten Versuch mein Herz voraus und landete sicher mit dem Pferd auf der anderen Seite.


*klugscheiß*
also erstens sollte man beim Reiten so ausbalanciert sein, dass man sich auch ohne Steigbügel im Sattel hält. Und das kann man mit ordentlichem Unterricht durchaus auch mit Sattel lernen.
und zweitens sind stundenlange Ausritte ohne Sattel vielleicht wildromantisch, aber sicher nicht pferdefreundlich. Der Sattel ist schließlich auch dazu da, das Gewicht gleichmäßig auf dem Rücken zu verteilen und diesen zu schonen… und feine Hilfen kann man auch mit Sattel geben.
versteh mich nicht falsch, ich reite auch gerne mal ne Runde ohne Sattel, besonders im Winter. Aber um das Pferd zu schonen, bei längeren Ausritten immer mit Sattel.
Von: blackeyed am 18. September 2012
um 14:37